März 2005 in Göhren

Goehren-2005

Beinahe hätte ich ein kleines Jubiläum vergessen. Das im Moment wenig frühlingshafte Wetter brachte die Erinnerung zurück an den März 2015: Mein Programm mit Schreibreisen war gerade gestartet, ich fuhr nach Rügen, um mein erstes Seminar dort zu veranstalten, erwartete Frühlingsimpressionen und geriet – mitten in den Winter. Es schneite und taute und schneite wieder.

Auf einer der beschwerlichen Wanderungen durch Schneematsch unter grauem Himmel tauchte sie plötzlich auf, die Idee zu meinem ersten Kriminalroman. Bald entwickelte sich auch als Hauptfigur die Hotelsekretärin Anna Schwanitz, die einiges von dem wahrnahm, was auch ich bei der Ankunft auf der Insel bemerkt hatte.

Will dieser Winter denn überhaupt nicht enden?, dachte Anna kurz hinter Gustow. Schon Mitte März, und die Insel ist noch immer weiß. Zwischen den Bäumen der Allee glitzerte verharschter Schnee in der Mittagssonne. Die Dörfer schliefen. […] Das Weiß der Wiesen hob sich scharf vom Blau des Himmels ab. Am Waldrand ästen Rehe, Möwen glitten durch die Luft und stritten mit den Krähen.

Es war das Jahr, in dem die berühmten Kreidefelsen, die Wissower Klinken, ins Meer stürzten und auch an zahlreichen anderen Stellen die Steilküste abbrach.

Am Lobber Haken stoppte Anna, beugte den Oberkörper, stützte die Hände auf die Knie und verschnaufte. Nachdem sie sich wieder aufgerichtet hatte, sah sie sich um: Lehm und Erde waren von der Steilküste herab fast bis ans Wasser gestürzt und hatten Wurzeln, Äste und Zweige mit sich gerissen, die jetzt seltsam verrenkt aus den graubraunen Brocken ragten. Zwei große Abbruchstücke standen aufrecht wie Pyramiden. Dazwischen plackten Reste dreckigen Schnees. Es war ein archaischer, naturgewaltiger Anblick.

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Gemeinsam mit meinen Mann überlegte ich, ob sich nicht ein Mord konstruieren ließe, bei dem ein solcher Erdrutsch bedeutsam sein könnte. Wir kamen zu dem Schluss, das wäre wohl eher unwahrscheinlich, denn es war nicht vorhersehbar, wann die Klippe ins Rutschen geriet. Dass sowohl 2005 als auch in späteren Jahren tatsächlich Spaziergänger unter solchen Erdmassen zu Tode kamen, wusste ich damals nicht. Als die Handlung langsam Gestalt annahm, wurde mir klar, dass sie nicht nur in Eis und Schnee spielen sollte. Ich wollte Leuten, die an einem Sommertag im Strandkorb saßen und den Roman lasen, keine Kälteschauer über den Rücken jagen. Also beschloss ich, im Mai nochmals für ein paar Tage nach Göhren zu fahren. Das Wetter kapriolte weiter:

Was für ein merkwürdiges Jahr, dachte Anna, während sie die Friedrichstraße hinunterlief […]. Der endlose Winter, dann ein total verregneter Frühling, Eisheilige, die ihrem Namen alle Ehre machten, und jetzt – Ende Mai – plötzlich Hochsommer. »Schon zwanzig Grad«, hatte Edgar ihr vom Parkplatz aus hinterhergerufen. Dabei war es gerade erst zehn Uhr.

Es war knallheiß an diesem Wochenende und im Sonnenschein sah alles so ganz anders aus als gerade mal zwei Monate vorher. Auch die Steilküste.

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Anna hatte den Strand erreicht. Träge dümpelten ein paar Boote im Wasser, davor schaukelten Silbermöwen. Die Luft war wie Seide. Annas Blick glitt sofort hinüber zum Lobber Ort, den Dunstschleier umhüllten. Die Erdklumpen schienen unverändert. Rechts am Dünensaum hatten sich Urlauber mit Sonnenschirm, Windschutz und Liegestuhl eingerichtet und ihre bleichen, glänzenden Körper ausgebreitet. In ein bis zwei Stunden würden sie krebsrot sein. Der angeschwemmte Seetang dünstete in der Hitze den Geruch von Salz, Jod und fauligem Fisch aus.

Auch die Erlebnisse waren ganz andere. Viele Details entdeckte ich auf langen Spaziergängen. Jetzt wusste ich schon genau, wonach ich suchte. Danach fielen das Plotten und Schreiben viel leichter. Aber es sollte noch bis 2007 dauern, bis das Manuskript abgeschlossen war.

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