Wie die »Aktion Rose« zum Romanthema wurde

Rügen-Krimi "Wer ohne Schuld ist"

Wer mag die zynische Bezeichnung „Aktion Rose“ für diesen Akt staatlicher Willkür ersonnen haben?

Schreiburlaub in Binz, Mai 2007: Das Manuskript von »Linstows Geheimnis« tingelte durch die Lektorate der Republik und suchte einen Verlag. Mein Kopf war frei für neue Ideen. In der Bibliothek, die damals zentral im »Haus des Gastes« untergebracht war, suchte ich nach anregender Lektüre und stieß auf die Erinnerungen von Amanda Wesch: »Rügen. Mein Schicksal, meine Liebe«. Da mich Alltagsgeschichten und authentische Berichte immer schon faszinierten, gefielen mir die anekdotenreichen Erzählungen der 1902 geborenen (und 1999 gestorbenen) Rüganerin. Was für ein prallvolles Leben, eine wahre Achterbahnfahrt zwischen Höhen und Tiefen! Mit zahlreichen Geschwistern wuchs Wesch erst auf dem Granitz-Hof (südlich von Binz), später auf einem Gut auf der Halbinsel Wittow auf. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester in Leipzig und führte ab 1935 zusammen mit einer Freundin die »Pension Gudrun« auf der Binzer Strandpromenade. Es waren bewegte Zeiten, während des Krieges wurden zeitweilig Schwangere einquartiert, nach Kriegsende Flüchtlinge, dann russische Offiziere mit ihren Familien, 1950 kamen durch Vermittlung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) wieder Urlauber in die Pension, doch drei Jahre später verlor Amanda Wesch alles. Während der »Aktion Rose« 1953 wurde das Haus durchsucht und nur durch ihre Flucht in den Westen konnte sie einer Verhaftung entgehen. Ich las zwar nicht zum ersten Mal von dieser Aktion, doch bis dahin kannte ich nur ein paar Fakten. Jetzt spürte ich zum ersten Mal, welche persönliche Katastrophe das für die Opfer war und wie nachhaltig deren Leben zerstört wurde. Die berührende Geschichte der Amanda Wesch wirkte lange nach.

Aktion-Rose-Buecher-Ruegenkrimi

Im folgenden Jahr entdeckte ich ein schmales Bändchen mit düsterem Cover und dem Neugier weckenden Titel »Im Namen der Rose. Enteignungen auf Rügen 1953«. Es gehört zur Schriftenreihe des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums in Bergen. Autoren der Beiträge sind Gymnasiasten, die selbstständig Zeitzeugen suchten und befragten und aus den Interviews Reportagen schrieben. Das Buch besteht aus zehn verschiedenen Geschichten von Betroffenen und deren Nachfahren. Je mehr ich las, desto mehr erboste mich die Willkür, die diese Aktion auszeichnete, die Ungerechtigkeit staatlichen Handelns. Über den Grundsatz »Gemeinwohl geht vor Eigenwohl« kann man sicher geteilter Meinung sein. Ob es eine rechtliche Legitimation für den Staat gab oder geben konnte, Privatbesitz einzukassieren, um den Berufstätigen der im Aufbau begriffenen sozialistischen Gesellschaft preiswerte Urlaubsplätze zur Verfügung zu stellen, kann und will ich nicht bewerten. Fassungslos machte mich jedoch, dass man die Besitzer nicht entschädigte, sondern kriminalisierte. Sie unter aberwitzigen Vorwänden verhaftete, ins Zuchthaus steckte, sie wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen zu willkürlichen, teilweise absurd langen Haftstrafen verurteilte, ihren privaten Besitz ohne jede Kompensation beschlagnahmte.

Ich fragte mich, wie ohnmächtig sich die betroffenen Familien gefühlt haben mussten, vor allem die Kinder. Wie hätte ich mich gefühlt, wenn meine Eltern von einem Tag auf den anderen als Verbrecher bezeichnet und behandelt worden wären?

Diese Gedanken gaben schließlich den Ausschlag, die »Aktion Rose« zu einem Thema meines nächsten Rügenkrimis zu machen. Zwar stellte ich mir manchmal die Frage, ob ich als Wessi über eine solche DDR-spezifische Angelegenheit überhaupt schreiben dürfe, aber ich denke, die Wirkung von Unrecht ist überall auf der Welt vergleichbar.

Bei der Darstellung der Fakten und Ereignisse habe ich mich an den historischen Quellen orientiert, die Figuren des Romans entstammen jedoch gänzlich meiner Fantasie.

Wer sich näher mit dem Thema »Aktion Rose« befassen möchte, dem empfehle ich die beiden Bücher sowie eine Filmdokumentation, die auch viele Anregungen für die Behandlung im Schulunterricht enthält.

Dann standen wir vor dem Nichts. Enteignungswelle an der Ostsee, von Reinhard Joksch. Dokumentation (DVD) 2013 (zu beziehen über: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de)

Amanda Wesch: Rügen. Mein Schicksal, meine Liebe. Rostock: Hinsdorff 1995 (3. Aufl. 2006)

Im Namen der Rose. Enteignungen auf Rügen 1953. Hrsg. von Irina und Sven Wichert, Bergen 2004 (Schriften des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums Bergen 2)

Schikorsky_OhneSchuld_02 (1)

Isa Schikorsky: Wer ohne Schuld ist. Berlin: Midnight by Ullstein 2018, 238 Seiten. E-Book 3,99 Euro, Taschenbuch 12,00 Euro. Weitere Informationen und Leseprobe

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