Aus der Krimiwerkstatt: Hilfe, meine Figuren werden zu alt

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Wie schon erwähnt: Zwischen der ersten Handlungsskizze (Mai 2007) und dem Erscheinen (Februar 2018) des Rügenkrimis Wer ohne Schuld ist vergingen beinahe elf Jahre, in denen sich andere Berufsaufgaben und Schreibprojekte vordrängten. 2010 fand ich Zeit, mich ausführlicher mit den Figurenbiografien zu beschäftigen. Dabei bemerkte ich, dass sich die Ereignisse der »Aktion Rose« im Februar 1953, die für die Aufklärung des Falls von entscheidender Bedeutung sein sollten, auf das Alter der Figuren auswirkten. Und zwar in zunehmend fataler Weise.Die insgesamt sieben Figuren, die damals diese Aktion miterlebt hatten, waren natürlich entsprechend gealtert. Als ich 2007 die Idee entwickelte, war das unproblematisch gewesen. Wer 1953 zwischen zehn und achtzehn Jahre alt gewesen war, konnte nun auf 64 bis 72 Jahre zurückblicken. Das schien mir durchaus realistisch. 2010 setzte ich die Lebensalter jeweils um drei Jahre herauf, auch das wirkte noch plausibel. Doch die Zeit verging, das Projekt lag bis 2016 auf Eis. Als ich endlich richtig einsteigen konnte, stellte ich zu meinem Erschrecken fest: Wenn der eine Handlungsstrang weiterhin in der unmittelbaren Gegenwart spielen sollte, musste ich bei jeder Figur noch einmal sechs Jahre draufrechnen, die Senioren wären nun fast alle um die achtzig, einer stünde kurz vor seinem hundertsten Geburtstag. Trotz gesteigerter Lebenserwartung, das war nicht mehr glaubwürdig, vor allem, weil die Herrschaften bis auf einen gesundheitlich noch fit und aktiv sein mussten. Die Geburtsdaten ließen sich jedoch nicht nach vorne verschieben, denn dann wären die Figuren 1953 zu jung gewesen. Schließlich fand ich einen Ausweg: Ich legte für die Gegenwartshandlung das Jahr 2010 fest. Das hieß – egal wie lange ich noch schreiben würde, das Alter der Figuren bliebe immer gleich und müsste nicht ständig korrigiert werden.

Eine clevere Lösung, dachte ich. Bis mir auffiel, dass diese Fixierung ungeahnte Konsequenzen in einem ganz anderen Bereich nach sich zog. 2010 – gab es da bereits Tablet-PCs? Waren Smartphones schon allgemein verbreitet? Durfte in Lokalen noch geraucht werden? Diese und zahlreiche andere Fragen stürmten plötzlich auf mich ein. Also habe ich nachrecherchiert, entdeckt, dass Lena Meyer-Landrut in diesem Jahr den Eurovision Song Contest gewann, die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika stattfand und das Mixgetränk Hugo der Sommerdrink des Jahres war. Ich hoffe, dass sich keine Zeitfehler eingeschlichen haben.

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Ein Gedanke zu “Aus der Krimiwerkstatt: Hilfe, meine Figuren werden zu alt

  1. Vielen Dank für den interessanten Einblick!
    Daran sieht man schön die Schwierigkeiten, die durch die Aufbereitung eines älteren Manuskripts entstehen können. Das finde ich insbesondere beim Krimi relevant, denn auch die Methoden der Polizei und insbesondere die Technik verändern sich ja ständig. Manchmal so schnell, dass man gar nicht merkt, wie sehr sich 2010 von 2018 unterscheidet … 🙂

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