Die Ruinen von Dwasieden

Dwasieden-Marstall

Seit 2000 bin ich ein- bis zweimal jährlich auf Rügen, aber erst 2016 hörte ich etwas über Dwasieden, das »weiße Schloss am Meer«. In meinen klassischen Reiseführern war nichts darüber zu finden gewesen. Aufmerksam wurde ich durch einen Beitrag in »111 Orte auf Rügen, die man gesehen haben muss«. Das dort abgedruckte Foto mit den Säulen mitten im Wald machte mich neugierig. Das wollte ich sehen. Im Oktober 2018 klappte es endlich.

Schlossallee-DwasiedenDie Wegbeschreibung klang logisch: Eine Schlossallee führt zum Schloss. Und so vertrauten wir den Hinweisen der Autoren Maren Kaschner und Anselm Neft blindlings und fuhren mit dem Bus (von Binz aus Linie 22) bis zur Haltestelle »Sassnitz, Schlossallee«. Eine wunderschöne Allee führte Richtung Wald, wir wähnten uns auf bestem Weg. Der Wald begann, wir marschierten erwartungsfroh weiter und weiter und weiter … Von einem Schloss war so wenig zu ahnen wie von der Ostsee. Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir einen Soldatenfriedhof zwischen den Buchen, der geheimnisvoll und unwirklich erschien.

Dwasieden-Friedhof

Hier trafen wir auf einen jungen Mann mit Hund, der uns die grobe Richtung mit der Hand wies: Da hinauf, dort würden wir auf alte Militäranlagen stoßen und später auf die Schlossruinen. Einen Weg gab es nicht, wir stolperten an den Überbleibseln der alten Umzäunung entlang den Hügel empor. Oben stießen wir auf eine Betonhütte, kurz danach auf einen Unterstand, dann auf einen Betonpfad. Aber wir entdeckten nichts, was auch nur entfernt an eine Schlossruine erinnert hätte.

Als wir die Suche gerade abbrechen und umkehren wollten, blitzten Mauer- und Säulenreste durch die Bäume. Wir waren am Ziel.

Dwasieden-Saeulengang

Zu unserem großen Erstaunen stromerte eine ganze Menge Menschen durch den Park. Seltsam, außer dem Spaziergänger mit Hund hatten wir unterwegs niemanden getroffen. Sollte es einen anderen Zugang geben? Nachdem wir uns umgeschaut hatten, folgten wir dem betonieren Weg weiter und stießen nach wenigen Hundert Metern auf die Straße der Jugend am Westrand von Sassnitz, kurz darauf auf die Haltestelle »Sporthalle«. Später recherchierte ich, dass es sogar eine Haltestelle »Dwasieden« (Linie 13, 18, 22) gibt, die für uns (aus Binz anreisend) wohl optimal gewesen wäre. Kaschner und Neft hatten uns also völlig in die Irre geführt.

Wer zu den Ruinen von Dwasieden möchte, sollte beim Alaris Schmetterlingspark von der Straße der Jugend aus in den Wald abbiegen. Hinweisschilder finden sich nicht – vermutlich aus gutem Grund: Es handelt sich nicht um eine offizielle Sehenswürdigkeit.

Aber was hat es mit dem »weißen Schloss am Meer« überhaupt auf sich? Zwischen 1873 und 1877 ließ sich ein sehr gut betuchter Berliner Bankdirektor und Neuadliger oben auf der Steilküste über der Ostsee ein imposantes Herrenhaus im neoklassizistischen Stil errichten. Von dem quadratischen Haupthaus führten rechts und links Säulengänge zu Pavillons. Auch in der Ausstattung feierte der Prunk der Gründerzeit wahre Triumphe. Großzügig bemessen waren auch der Marstall sowie der Park. Nach dem Tod des Bauherrn verkauften die Erben Grundstück und Bauten an die Stadt Sassnitz. Das Gelände wurde anfangs von der Kriegsmarine genutzt, seit den 1950er Jahren von der Volksmarine. 1948 wurde das Schloss gesprengt, der Marstall brannte in den 1990er Jahren aus. Inzwischen erobert sich die Natur das Gebiet zurück. Durch das Nebeneinander von schmucklosen Militärbauten und den Ruinen, die noch ein wenig von der herrschaftlichen Pracht erahnen lassen, entsteht ein spannungsreicher Kontrast. Ein geheimnisvoller, magischer, verwunschener Ort.

Mehr erfahren Sie auf der Homepage von Ralf Lindemann, der das Schloss Dwasieden erforschte und dokumentierte. Er hat ein Buch mit dem Titel »Das weiße Schloss am Meer« (2003) publiziert und bietet Führungen durch den Park an.

 

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