So gehts auf die Insel

2014-05-10-07.06.15Wie es so ist mit der Liebe – sie führt zur Unvernunft. Als ich 1989 aus Braunschweig nach Köln zog, schien sicher, dass Urlaub am Meer zukünftig an den nahen Küsten Belgiens und Hollands stattfinden würde. Ein Sommer in Knokke war jedoch relativ ernüchternd, und so wuchs erst die Sehnsucht nach der Ostsee und später die Liebe zu Rügen. Und das bedeutet: statt lässiger drei bis vier Stunden Anreise sind es lange sieben bis acht.

Glücklicherweise hat die Bahn ein Einsehen mit Liebenden und bringt mich (und alle Inselfans zwischen Koblenz und Hamburg) ohne Umsteigen nach Binz, morgens kurz nach sieben hin, vormittags halb elf zurück. Bis Hamburg meist mit gut gefüllten Abteilen, danach wird es ruhiger, das Land flacher, die Aussichten entspannender. Spätestens, wenn der Zug die letzte Stunde gemächlich die Insel quert, weiß ich, warum ich mich nicht für ein näheres Ziel entschieden habe. In Prora hält es mich nicht mehr auf dem Sitz und kurz darauf rumple ich mit meinem Rollkoffer über die Promenade, atme die unvergleichliche Seeluft und freue mich einfach nur, wieder da zu sein.

Faehre-BinzMit dem Auto gibt’s verschiedene Wege. Am profansten ist die Strecke über Stralsund, die neue Rügenbrücke und weiter auf der Bundesstraße über Bergen. Es ist eigentlich die schnellste Route, doch häufige Staus machen sie langsam. Viel beschaulicher ist der Weg, den meine Heldin Anna in „Linstows Geheimnis“ wählt. Sie ist auf der Insel gleich rechts abgebogen nach Gustow und fährt über kleine Straßen und Alleen, teilweise noch über Kopfsteinpflaster, durch verschlafene Orte und zauberhafte Landschaften.

Garz döste im Sonnenschein. Bürgerhäuschen, deren Dächer beinahe die Erde berührten, säumten die Straße zu beiden Seiten. Auf einer kleinen Anhöhe thronte der Backsteinbau von Sankt Petri. In den Jahren zuvor hatten am Friedhof immer schon die Schneeglöckchen geblüht. Anna lächelte. Inzwischen wusste sie, dass sie sich richtig entschieden hatte. Es war die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen. […]

Putbus wirkte wie eine Residenz im Puppenstubenformat. Die klassizistischen Häuser rund um den Obelisken am Circus strahlten mit dem Schnee um die Wette. Sie und Rügen – das war tatsächlich Liebe auFaehre-Binzf den ersten Blick gewesen. Immer wieder fragte Anna sich, woran es lag. Waren es die klaren Farben der Landschaft, die Melodie des Meeres, der Salzgeruch des Windes? Oder alles zusammen? Jedenfalls war sie zum ersten Mal in ihrem Leben sicher gewesen, den Ort gefunden zu haben, an den sie gehörte. Der Polo holperte noch ein Stück über Kopfsteinpflaster und erreichte dann die Bundesstraße.

Wer seinen Urlaub schon ein bisschen eher beginnen will, sollte in Reinberg die Schnellstraße verlassen und in Stahlbrode die Autofähre nach Glewitz auf der Halbinsel Zudar im Süden Rügens nehmen. Sie können sich während der Überfahrt (zwanzig Minuten) schon den Wind um die Nase wehen lassen und die Meerluft genießen. Von Glewitz aus fahren Sie ebenfalls über Garz und Putbus nach Binz, viel ruhiger als auf der Bundesstraße.